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Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer
(1852 - seiner Heimatstadt Husum gewidmet)
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Meeresstrand
Ans Haff nun fliegt die Möwe
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
(1854)
_______Theodor Storm (1817 - 1888)____ war ein sehr vielseitiger, naturverbundener, Dichter und genauer Beobachter seiner Zeit, der - was die wenigsten wissen - nach einem abgeschlossenen Jurastudium - hauptamtlich als Kreis- und Amtsrichter tätig war und nebenbei Novellen und Gedichte schrieb. Am bekanntesten dürfte "Der Schimmelreiter" sein,
der mir in seiner düsternen Mystik bis heute beim Lesen eine Gänsehaut verursacht und immer wieder gefällt! Viele andere seiner Novellen geben ein lebendiges Bild
seiner Zeit und der Menschen wieder. Sehr überrascht haben mich seine Gedichte,
die in reichhaltiger Bildersprache seine tiefe Achtung und Liebe zum Heimatort und der Nordsee zum Ausruck bringen.
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Augen in der Großstadt
(von Kurt Tucholsky)
Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.
(Kurz Tucholsky)
_______________Kurt Tucholsky (1890 - 1935) ________ zeichnete in seinen unzähligen Werken und Gedichten sensibel, aber auch sprachlich gewandt, mit Ironie und Wortwitz und in unverkennbarem Stil ein Bild seiner Zeit. Auch er litt unter dem zunehmenden Einfluß der Ideologie des Nationalsozialismus, die ihn schließlich ins Exil trieb. "Sprache ist eine Waffe" - dies demonstrierte er in seinen Werken,
bis er sich leider nicht mehr stark genug fühlte. Neben seinen zahlreichen Gedichten hat mich persönlich sein Werk
"Schloß Gripsholm und anderswo" besonders berührt.
(Fortsetzung mit Lieblingsgedichten von Hermann Hesse u.a. folgt)
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